Buchtipp: „Ein Jahr in der Provence“ von Rita Henß

Ein Interview mit der Autorin über die „wahre“ Provence

Ein Jahr in der Provence

Vielleicht gehören Sie zu den Glücklichen, die bald in Urlaub fahren und  dem Arbeitsalltag entkommen können. Für alle anderen bleiben immerhin kleine Fluchtstrategien, wie etwa sich gedanklich an schöne Orte zu begeben. Zum Beispiel in Richtung Traumziel Provence.

Rita Henß

Rita Henß

Im Juni hatte ich dieser Region Frankreichs einen besonderen Platz in diesem Blog und in dem Geist- und Gastraum-Programm eingeräumt. Unter dem provenzalischen Stern stand auch der letzte Netzwerk-Abend am 18. Juni: eine kulinarische Lesung mit Rita Henß, Autorin und Publizistin, die zwischen den drei Gängen Tomaten-Tarte mit Lavendel, Bouillabaisse und Aprikosenkompott mit Rosmarin aus ihrem in März dieses Jahres erschienenen Buch „Ein Jahr in der Provence“ las.

Es war eine so unglaublich schöne laue Nacht, während der  die Gespräche ganz entspannt bei heißen 34°C am Tisch oder auf dem Balkon stattfanden. Besser hätte das Ambiente nicht zum Thema passen können. Für alle, die an dem Abend nicht da waren, gibt es heute nachträglich ein paar Appetit-Häppchen aus dem Buch und zwar von der Autorin persönlich, die ich nach unserem gemeinsamen Abend interviewen durfte.

Françoise: Liebe Rita, vielen Dank, dass du dir nochmals kurz die Zeit genommen hast, denn für deine Recherchen zu den Themen Reise und Kulinarik bist du beruflich immer wieder  unterwegs. Jetzt aber zu deinem Buch. Du hast in Frankfurt Büro und Wohnung gekündigt, um dann ein Jahr in der Provence zu verbringen. Wie kam es zu diesem Entschluss, bzw. warum hast du dich für die Provence entschieden?

Rita Henß: Es war einfach mal wieder an der Zeit, meinen Lebensmittelpunkt zu wechseln. Fast fünf Jahre lebte ich nun schon wieder in Frankfurt, zuvor verbrachte ich rund acht Jahre auf Madeira. Als ich auf der Buchmesse die portugiesische Insel als Thema vorschlug, zeigte sich der zuständige Redakteur im Herder Verlag nicht sonderlich interessiert. Wir plauderten also über Alternativen. Ich überlegte wo, ich als nächstes gern mal für längere Zeit meine Zelte aufschlagen würde und erzählte ihm von meiner Liebe zu Frankreich, das ich schon seit meiner Schülerzeit immer wieder bereiste und von einem jüngst realisierten Reiseführer über die Provence. Die Entscheidung fiel dann auf beiden Seiten ganz schnell.

Françoise: Viele träumen vom Aussteigen, dem Stress entfliehen  und an einem warmen Ort zu leben. Die Provence ist eins von den begehrten Zielen dafür.  Wie lässt es sich eigentlich dort im Alltag leben? Ist es so entspannt, wie man es sich vorstellt?

Rita Henß: Es ist natürlich anders, in einem Dorf zu leben, als in einer Stadt  und wenn das Dorf noch in der Provence liegt und nicht in Deutschland, macht das selbstverständlich einen Unterschied.  Tatsächlich ticken im Süden auch die Uhren ein wenig anders als bei uns im „Norden“.  Aber Vieles ist identisch im Alltag – seien es die Probleme mit dem öffentlichen Nahverkehr, mit Hochwasser, mit der Abwanderung der jungen Leute dorthin, wo es noch oder eine bessere Arbeit gibt usw.

Ach ja – und noch eines: im Winter und bei Mistral kann die Provence sehr, sehr ungemütlich sein! Schnee und eisige Minustemperaturen treiben dann viele Ferienhausbesitzer  in die Flucht. Und manch ständiger Dorfbewohner besucht in der kalten Jahreszeit gern seine Verwandten in der Stadt. Ich selbst habe die Zeit von Weihnachten bis März in Marseille verbracht anstatt in meiner Erdgeschoss-Wohnung in einem alten Haus in Ménerbes.

Françoise: In dem Buch erzählst du viel über die Menschen, die dort getroffen hast , und mit denen du den Alltag verbracht hast. Darin kommen auch viele französische Ausdrücke vor. Du selbst sprichst perfekt Französisch. Kommt man als Ausländer schnell in Kontakt? Muss man auch unbedingt Französisch können?

Rita Henß: Zum Café-Besuch und zum Einkaufen braucht man nicht viele Worte. Aber ich hatte ja nicht nur zwei Wochen Urlaub in der Provence,  sondern ein Anliegen. Ich wollte ein Buch schreiben! Über den Alltag der Menschen in dieser Region. Um an ihm nicht nur an der Oberfläche teil zuhaben, sondern einen tieferen Einblick zu gewinnen, brauchte es unbedingt das Französische.

Ich habe zudem auch einen Provenzalisch-Kurs belegt, um manches noch besser zu verstehen. So konnten mir die Menschen ihrer Sprache etwas erzählen über sich und ihr Dorf, vielleicht sogar über seine Probleme oder „Geheimnisse“. Das Gleiche gilt natürlich für städtische Umgebungen…

Françoise: Was war dein schönstes Erlebnis dort?

Rita Henß: Es gab mehrere sehr berührende Momente. Einer war die erste Einladung meiner Vermieter zum Abendessen in ihre offene Küche. Ich fühlte mich sofort aufgenommen wie ein Familienmitglied.

Ganz besonders war auch ein Märzabend (!) am Strand von Marseille: dort spielte ein Pianist Jazz-Melodien auf einem Flügel, der wie auf einem Floss am Meeresufer stand.

Herzklopfen bekam ich, als mich meine neu gewonnene Bekannte Mireille zu einer sonst stets verschlossenen Kapelle führte, und mir im Inneren die Malereien eines russischen Künstlers  des frühen 20. Jahrhunderts entgegenleuchteten.

Françoise: Für diejenigen, die gerne in die Provence fahren möchten, welchen Lieblingsort von dir sollen sie unbedingt kennenlernen? Was sollten sie auf keinem Fall verpassen? Und gibt es eine Saison, die du empfehlen kannst?

Rita Henß: Unbedingt lohnt ein Abstecher nach Marseille. Durch die Ernennung zur Kulturhauptstadt Europas 2013 gab es dort eine Fülle von Veränderungen im Stadtbild; drei neue Museen bereichern das kulturelle Angebot, in einem ehemaligen Getreidesilo gastieren nun Musiker und Theatergruppen etc.etc.

Ein wahrlich spektakuläres Ereignis ist natürlich die Lavendelblüte in Provence ab Mitte Juni. Schön als Jahreszeit ist das Frühjahr, es kann allerdings sein, dass es erst im Mai beginnt…

Françoise: Im Geist- und Gastraum geht es viel um Genuss, gutes Essen und Geselligkeit. Wie hast du es dort erlebt?

Rita Henß: Wie in ganz Frankreich ist der Tisch der Mittelpunkt des Lebens. Ob zuhause oder im Restaurant: Genuss und Geselligkeit sind fester Bestandteil des provenzalischen Alltags – nicht nur am Wochenende! Die Region ist ja reich an kulinarischen Schätzen: Oliven, Melonen, Trüffel, Feigen, eine Fülle von Gemüsen, Käse und Lammfleisch aus den Bergen, Fisch aus Flüssen und Meer. Auf den Bauernmärkten kaufen nicht nur die Touristen…

Françoise: Meine letzte Frage: Gibt es etwas, dass du in Deutschland nach deiner Rückkehr besonders vermisst hast?

Rita Henß: Das ganz besondere Licht der Provence, das ja auch schon viele Maler entzückte.

Vielen Dank, liebe Rita für das Interview.

Wenn Sie das Buch gerne lesen möchten:

Rita Henß: Ein Jahr in der Provence, Reise in den Alltag, Verlag Herder GmbH 2013, ISBN: 978-3-451-06529-3

Umschlaggestaltung: Verlag Herder

Umschlagmotiv: AGE / Mauritius Images

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